Der Korrespondent berichtet

 

Also kurz gesagt: es war schön, erfolgreich, anstrengend, lustig, kalt, informativ, weinseelig, unterhaltsam und leidenschaftlich.

 

Klingt wie ein Wellnesswochenende mit Tante Hermie oder wie: meine Frau, mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Schwiegermutter. Es war aber ganz anders.

 

Der schöne Rhein lud ein und alle kamen. Naja , fast alle. Oberwesel lockte mit Stockbetten, 70er Jahre Flair, Schlangen am Buffet, Bettenmachen und einem unergründlichen roten Tee.

Das passte. Das passte deshalb, da es da noch eine schöne Aussicht, einen wunderbaren Musiksaal und ein Bistro gab, das zum Trinken und zum dahinschmettern von wohlbekannten

internationalen Liedern animierte. Der Standard des Männerchores Praunheim.

 

Der Korrespondent berichtet ……

 

Freitag. Nachdem die mehr oder weniger begeisterte Bardame am Anreisetag zum letzten Zapfenstreich geblasen hatte und Sangesbruder Horst mit entseeltem Blick als Letzter den Saal verließ, versammelte sich die Mannschaft zum letzten Ritt. Gestandene Männer sangen gestandene Lieder um sich dann standesgemäß noch einmal auf die letzten Getränke und den Tischkicker zu stürzen, an dem die letzte Schlacht vor Morgengrauen geschlagen wurde. Schweißgebadet und die sensationellsten Flüche von sich gebend kämpften die Gebrüder Horvath gegen das Team Launhardt /Bubel um dann doch in einem Remis beiderseits erschöpft aufgeben zu müssen. Die Nacht verschlang dann langsam die Mitglieder des Chores und schickte sie in ihre bequemen 4-Bett, 2-Bett oder Lonely-King-Size-Betten.

 

Gegen Morgen schwebten Stimmen durch die Herberge. „Wo ist die Tür. Warum ist die Tür nicht auf“. Einige verstanden; „Wo ist das Bier. Wenn ich bald nicht was sauf.“ Eiskalt wurden Fenster aufgehebelt und mit eigenen Schlüsseln fahrende Bierlager aufgebrochen.

Mundraub in Oberwesel. Ein Thema das die Menschen am Rhein auch heute noch beschäftigt. Geklärt wurde der Fall nie.

 

Samstag. Tag der Arbeit. Stunden quälte sich der Männerchor mit freudigem Herzen und in Begleitung eines leicht verstimmten Klaviers, aber eines gut gestimmten Chorleiters durch das angesagte Repertoire. Unterbrochen vom Mittagessen und dem Anstehen am weiblichen Kaffeeautomat, wurde gnadenlos an den Stimmen gefeilt, den Harmonien geschrubbt, den Sätzen geknabbert, und immer wieder über Norbert geredet. Norbert, der Vorbeter eines Clan der Weisheit Suchenden , der sich tagelang damit beschäftigte einen Brief an den Papst zu schreiben – aber dann doch nicht abzusenden. Norbert, der Onkel eines wohlbekannten Fußballers, der am Vorabend dauernd vom Hocker rutschte und der wahrscheinlich in der Kirche auch noch das Weihwasser trinken würde (wenn es denn Alkohol enthalten würde).

„Alkohol“ war an diesem Tag auch das letzte Lied das der Chor mit Inbrunst durch das geöffnete Fenster des Musiksaales blies, ohne nicht damit auch einen Blick auf den kommenden Abend, und die vor dem Fenster flanierenden Damen der Kantorei zu werfen.

 

Die berühmten „Oberweseler Abende“ warfen ihre Schatten. Nach Bildung von 5 Minuten Fahrgemeinschaften erreichte man das ersehnte Ziel. Kaum in der Wirtschaft, bestellte man alles was der Wirt schafft. Weib viel aus Mangel weg, Gesang hatte man selbst genug, also blieb nur noch Wein und ein ganz wenig Essen.

Überraschung, Überraschung. Ein Gast war gerade 98 geworden, und der Chor hatte tatsächlich rein zufällig ein Klavier, einen Klavierstuhl und eine Stromverlängerung dabei, um dem Geburtstagskind ein Ständchen zu bringen. Wunderbar.

 

Überraschung, Überraschung. Ein zweiter Gast hatte auch Geburtstag. Das zog sich dann von Zugabe zu Zugabe. Angespornt von den Gästen und dem gut gepegelten Weinstand der einzelnen Sänger wurde es ein Feuerwerk des Gesanges, auch wenn einige Raketen etwas schief durch die Gegend flogen.

 

Überraschung, Überraschung. Die Geburtstagskinder bedankten sich noch einmal mit einer Runde. Der Chor bedankte sich mit mehreren Runden. Gesang.

 

Noch mehr Feuerwerk und die Uraufführung einer vierdimensionalen Aufführung. Zu Bild und Ton gesellte sich noch der Geruchsvortrag, ausgelöst durch eine bis jetzt unbekannte Größe des Chores, der statt Wein zu trinken wahrscheinlich alte Füchse, Chili, Bohnen und nasse Waschlappen gegessen hatte. Es wurde ein unvergessener Vortrag. Noch nie war der Chor so ausdrucksvoll, die Mimik und die Bewegungen so imposant.

Der Abend war wundervoll, fabelhaft, einmalig und nicht wiederholbar. Oder vielleicht doch?

 

Sonntag. Dicke Köpfe, Betten abziehen, Klamotten packen, Norbert und der Clan schreiben immer noch am Brief. Nur noch ein paar Stunden bis zur Rückreise. Ein paar Stunden noch einmal die letzten Reserven aus dem Körper holen und singen. Noch einmal. Noch einmal. Noch einmal.

 

Die letzte Harmonie ist die schönste. Sie steht lange im Raum und schwebt für lange Sekunden. So sollte es immer sein. Eine große Zufriedenheit. Gemeinsam eine Harmonie zustande bringen.

 

So sollte es immer sein.

 

Lucius Launhardt